Simon Groß
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Pflege: Mut tut gut – Gerade wenn es schwierig wird!

Führungsqualität in konflikthaften Situationen bei der Begleitung älterer Menschen

Am 25. April 2018 organisierte das österreichische Sozialministerium an der FH Campus Wien eine Tagung mit knapp 100 Teilnehmern aus acht Bundesländern. Als Hauptredner und Diskutant in der Veranstaltung überraschte Simon Groß mit seinem Vortrag das anwesende Publikum, welches sich aus Leitungskräften der ambulanten und stationären Altenpflege, aus Schul- und Trägervertetern sowie Vertretern und Mitarbeitern des Sozialministeriums zusammensetzte. Er thematisierte auf ungewöhnliche Weise die Herausforderungen in der Pflege und die dadurch entstehenden Emotionen wie Ärger, Aggressivität und Ekel. Die Entstehung von Gewalt ist ein langer Prozess, dessen Vorzeichen durch eine entsprechende Aufmerksamkeit früh erkannt werden können. Dadurch wird es möglich, die Entwicklung von Gewalt zu verhindern.

Gerade in der professionellen Altenhilfe ist es nicht üblich, die Herausforderungen des Pflegealltags offen zu zeigen. Natürliche Reaktionen wie Ekel, Ärger oder Gereiztheit kommen auch bei Pflegenden vor. Sie benötigen besondere Kompetenzen, um auch unter (Zeit-)Druck und bei herausforderndem Verhalten von Bewohnern professionell handeln zu können. Dazu ist der Mut notwendig, die eigenen Emotionen wie Ekel, Ärger und Aggressivität anzuerkennen und mit Kollegen zu reflektieren. Deren Entstehung haben oft ganz nachvollziehbare Gründe. Doch wie sie ausgedrückt und tatsächlich gelebt werden, wird durch die gelebten Werten und Umgangsformen im Team bestimmt. Das erfordert mutige und sozial kompetente Führungskräfte, die sich selbst in schwierigen Situationen der Unterstützung und Rückendeckung ihrer Direktion sicher sind.

Gutes Klima ist keine Selbstverständlichkeit!

Moderne Organisationsformen in der Pflege berücksichtigen vor allem die Effizienz und ordnungsgemäße Erbringung von Pflegeleistungen. Sie versuchen die ordnungsgemäße Abrechnung zu vereinfachen und optimieren das Arbeitszeitmanagement der Voll-/Teilzeit- und Aushilfskräfte. Es bleibt oft den Leitungskräften vor Ort selbst überlassen, ob sie ihre Aufgabe nur als Verwalter sehen. Ein gutes Klima wird in der Pflegebranche eher als nice to have betrachtet.

Dafür reicht es nicht, ein paar soziale Events zu organisieren. Die innere Bereitschaft, Mitarbeiter einerseits in schwierigen Situationen aufzufangen und andererseits destruktivem Verhalten sowie verbaler Verrohung entschlossen entgegenzuwirken, umschreibt Schlüsselkompetenzen von Leitungskräften in der Pflege, die eine notwendige Bedingung zur Entwicklung gewaltfreier Teams darstellen. Sie erfordern starke Persönlichkeiten, deren Bedeutung für eine qualitativ hochwertige Pflege lange bagatellisiert wurde. Ein gutes Klima lässt sich nicht von oben verordnen.

Ein kooperatives Miteinander erfordert zunächst die innere Überzeugung, dass gerade extreme Herausforderungen nur gemeinsam und im Vertrauen auf die Führungskräfte und Kollegen konstruktiv bewältigt werden können. Diese Einstellung lässt sich nicht durch Bonuszahlungen oder Lobeshymnen erzeugen. Sie wächst im Umgang mit schwierigen Situationen, in denen die vorgegebenen Prozduren und die offiziellen Leitbilder nicht mehr greifen. Häufig geht es dabei um emotionsgeladene Momente, in denen Führungskräfte einerseits deeskalierend wirken können und andererseits durch klare Positionen allen Beteiligten Sicherheit geben. Es lohnt sich, die soziale Kompetenz gerade bei im Alltag mitarbeitenden Führungskräfte zu fördern, damit diese mit solchen Momenten besser umgehen können und auch gestärkt werden. Ein funktionierendes Team in der Altenhilfe dem Zufall zu überlassen und sich vor allen Dingen auf das Managment von Arbeitsressourcen zu konzentrieren, ist nicht nur eine Abwertung eines anspruchsvollen Berufs, der neben pflegerischen Kompetenzen auch psychologisches Know-How erfordert. Vielmehr entsteht durch eine solche Haltung der Direktion eine Form der strukturellen Gewalt, die sich unmittelbar auch negativ auf die Pflege auswirken kann.

Wenn Sie an diesem Vortrag interessiert sind und mit Simon Groß eine Veranstaltung zum Thema Gewalt in der Pflege organisieren wollen, schreiben Sie eine Email an kontakt@midlife.lu.