Simon Groß
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Pflege: Die Industrialisierung der Altenpflege

Fließbandarbeit auch in der Altenpflege?

Erst Ende der 1980er Jahre wurde der steigende Bedarf an ambulanter und stationärer Altenpflege in verschiedenen europäischen Ländern öffentlich thematisiert. Die Versorgung von älteren Menschen stand noch vollständig im Zeichen der Wohlfahrt. Kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, dass man mit Altenhilfestrukturen hohe Gewinne und Renditen erzielen könnte. In der Regel erinnerten Altenheime damals eher an kleine Familienunternehmen, die nicht gewinnorientiert waren. Das hat sich inzwischen stark verändert.

Im Laufe der 1990er Jahre wurde in verschiedenen europäischen Ländern eine steuerfinanzierte Pflegeversicherung eingeführt, die erstmalig eine geregelte Finanzierung von ambulanten und stationären Diensten der Altenhilfe garantierte. Diese Sicherheit motivierte branchenfremde Unternehmer neue Strukturen und Dienste zu eröffnen, die von Anfang an dafür konzipiert waren, Gewinne zu generieren. Man konnte sich sogar plötzlich trauen, die Neubauten von Pflegeheimen auf 50 Jahre zu finanzieren. Um allerdings neben diesem Refinanzierungsdruck auch noch Renditen erzielen zu können, brauchte man deutlich höhere Patienten/Bewohnerzahlen. Damit begann auch die Industrialisierung der Altenpflege. In den letzten Jahrzehnten sind riesige Altenhilfeträger entstanden, die länderübergreifend Altenhilfestrukturen übernommen haben und immer weiter anwachsen. Um trotz klar festgelegter Leistungskataloge der Finanzierungsträger noch Renditen zu erzielen, wird einerseits versucht, Personalkosten zu reduzieren und andererseits der Einsatz moderner Technologien vorangetrieben. Bereits spekulieren Philosophen wie Richard David Precht darüber, dass sich in Zukunft die Armen mit der Versorgung durch Maschinen zufrieden geben müssen, während sich die Reichen noch echte Menschen leisten können.

Eigentlich erstaunlich, dass diese Entwicklung in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Dabei lassen sich die Auswirkungen einer solchen Industrialisierung im Hinblick auf die fundamentalen Veränderungen in der Schwerindustrie der letzten 100 Jahre sehr gut vorhersagen. Vor diesem Hintergrund hielt Simon Groß im Juli 2017 auf Initiative der Rentnersektion einer großen Luxemburger Gewerkschaft erstmalig einen Vortrag zu diesem Thema. Einen Artikel zum Vortrag, der im Luxemburger Tageblatt veröffentlicht wurde, finden Sie hier.

Im September 2018 referierte Simon Groß über die Industrialisierung der Pflege und die daraus resultierende Gefahr für die Menschlichkeit auf dem ersten gemeinsamen Kongress der transnationalen Vereinigungen EAHSA  und E.D.E in Prag.

Wenn Sie diese Thematik interessiert und Sie im Rahmen Ihrer Vortragsveranstaltung einen kritischen Blick auf die zukünftige Entwicklung der professionellen Altenpflege werfen wollen, wenden Sie sich an simon.gross@midlife.lu.

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  1. Und die neu eingeführten Pflegekassen sollen das nun Verändern??? Ist das nun Aberglaube oder soll die Hoffnung zuletzt sterben ???

  2. Die Finanzierung durch die Kassen ist nicht das Problem an sich. Es ist eher die Frage, ob man Pflege einem privaten Markt überlassen darf, der aus den zur Verfügung stehenden Mitteln Gewinne zu erzielen versucht.

  3. Interessant, dass Sie über die Industrialisierung der Altenpflege schreiben. Ich habe nämlich das Gefühl wir erleben so etwas wieder. Einige Internetfirmen möchten im Moment die Altenpflege digitalisieren. Ich bin gespannt auf weitere Neuerungen in diesem Feld.

  4. Ein Teil der Industrialisierung besteht in der Digitalisierung von Pflegeleistungen. Internet-Plattformen für Pflege-, Betreuungs- und Haushaltsleistungen sind bereits erfolgreich. Das digitale Management des Arbeitsablauf vor, während und nach der Begegnung mit dem Mensch ist etabliert. Beziehung wird mit handlichen smartphones effizienzorientiert gesteuert und keine Minute wird verschwendet. Ob so wärmende und Einsamkeitsgefühle verringernde Beziehungen entstehen können? Wohl kaum!

    Wenn diese Art von programmierter Pflege und Betreuung mit ihren Nebenwirkungen aber gesellschaftlich akzeptiert wird, so wie auch die zunehmende schleichende Überwachung jedes Pflegebedürftigen, dann wird der Mensch in der Pflege immer leichter ersetzbar.

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