Midlife – Eine Illusion?

Nach fünf Jahren intensiver Beschäftigung mit Midlife, der Mitte des Lebens, dem Übergang in die zweite Lebenshälfte schleicht sich mehr und mehr der Verdacht ein, dass es das Midlife und auch dessen Krise gar nicht gibt. Dabei gelang es diesem Wort und der offensichtlich dazu gehörigen Crisis sehr bekannt zu werden. Doch selten wird die Mitte des Lebens mit Positivem verbunden. Die Chance auf einen außergewöhnlichen Lifestyle und die neuen Chancen in diesem Lebensabschnitt scheinen nicht wirklich attraktiv zu sein. Midlife ist wohl nur  interessant, wenn es gelingt, NICHT seinem Alter zu entsprechen.

Glücklich ist heute der, der dank entsprechender Mode und jugendlichem Auftreten seine fortschreitende Lebenszeit zu verstecken weiß. Dahinter steckt wohl die grundlegende Angst vor dem Alter, die Menschen in unserer Gesellschaft irgendwann nach dem jüngeren Erwachsenenalter erreicht. Dabei ist DAS Alter eigentlich eine Selbstkonstruktion, die sich nicht an der Anzahl gelebter Jahre orientieren und auch nicht negativ sein muss. Doch tatsächlich bringt fortgeschrittenes Alter – und das fängt rein rechnerisch schon mit Mitte 40 an – in Europa keinen Vorteil. Stattdessen nehmen altersbezogene Kränkungen zu. Und das, obwohl sich heute Menschen um zehn bis fünfzehn Jahre jünger verhalten als in der traditionellen Gesellschaft (s. Interview mit Prof. Dr. Michael Lehofer). Kaum einer will zum „Second Life“ gehören, weil anders als in einer Weisheitsgesellschaft Menschen in einem höheren Alter nicht mehr, sondern eher weniger Kompetenz zugesprochen wird.

Kein Wunder, dass alle jung sein und nicht mehr groß werden wollen. Da bleibt man lieber so lange wie möglich in der Dauerpubertät. Die Midlife Company lernte durch die Herausgabe des Magazins MID-LIFE und die Rückmeldungen der Leser, dass Artikel zu gelungenen Neuanfängen und einem ermutigenden Lifestyle bekannter Midlifer die zentrale Sehnsucht der Moderne nicht stillen können:

Die Vorstellung, fünf und mehr Jahrzehnte „ständig auf der Höhe“ und hoch leistungsfähig zu sein. Gleich einer Katze, die sich nach Erreichen des Erwachsenenalters bis kurz vor ihrem Tod eigentlich immer konstant verhält. Doch solche Illusionen leugnen die Veränderungen einer Zeit, in der langfristige (Lebens-)Planungen zunehmend absurder erscheinen. Unsere schöne neue VUKA-Welt fordert immer mehr Offenheit, Flexibilität und den gesunden Verzicht auf Status. In einer Welt, die für Volatilität, Unsicher, Komplex, Ambiguität (Mehrdeutigkeit) steht, gehen die vor 20 Jahren getroffenen Prognosen und Annahmen für ein gelungenes Leben nicht mehr auf.

Ist es da nicht berechtigt zu fragen, ob es das Midlife oder die Midlife Crisis überhaupt noch gibt? Eben weil das Leben nicht mehr durch Traditionen und Konventionen normiert ist, leben immer mehr Menschen immer unterschiedlicher. Jugendlichkeit oder traditioneller Auftritt werden zu Life-Style-Elementen, die weniger vom Alter als vielmehr von finanziellen Ressourcen einer Person abhängen. Die baby boomer werden besonders betroffen von der Veränderung durch Digitalisierung und der Auflösung traditioneller Verhaltensmuster, da sie in einer noch von langjährigen Arbeitsverhältnissen, Aufbau und Steigerung geprägten Wachstumsphase aufgewachsen sind. Diese zeitenbedingte Veränderung sollte niemand persönlich nehmen. Es ist an der Zeit, dass diese Generation neue Wege für sich und die nachfolgenden Generationen erschließt, um eine Versöhnung zwischen analoger und digitaler Welt zu ermöglichen. Denn eines hat sich nicht verändert, weder durch das Alter noch durch die Digitalisierung: Menschen sind dafür gemacht, soziale Verbindungen einzugehen und gemeinsam das Überleben zu sichern.